Camille RochatVIEW PROFILE →
Wellness-Boom und seine Schattenseiten: Was zwei neue Studien über die Gesundheit in der Schweiz verraten
Zwei aktuelle Studien aus dem Jahr 2026 zeichnen ein widersprüchliches Bild. Während die Menschen so viel wie nie in ihr Wohlbefinden investieren, wächst der Druck, gerade bei Jungen und Frauen. Zugleich zeigt sich, wie wichtig enge Beziehungen sind.
Die Gesundheit beschäftigt die Schweizer Bevölkerung so stark wie selten zuvor. Zwei aktuelle Studien aus dem Jahr 2026 werfen nun ein Schlaglicht auf das Thema und zeichnen ein durchaus widersprüchliches Bild. Auf der einen Seite steht ein anhaltender Wellness-Boom, auf der anderen Seite wachsen Druck und Erschöpfung, gerade bei jüngeren Menschen.
Ein Markt in Milliardenhöhe
Wie gross das Geschäft mit dem Wohlbefinden geworden ist, zeigt die GDI-Studie mit dem Titel Feelgood Revolution, die am 27. Mai 2026 veröffentlicht wurde. Demnach setzte die weltweite Wellness-Wirtschaft im Jahr 2024 rund 6,8 Billionen US-Dollar um. Bis zum Jahr 2029 soll dieser Wert auf 9,8 Billionen US-Dollar ansteigen.
Damit ist die Branche des Wohlbefindens laut der Untersuchung inzwischen grösser als die IT-Wirtschaft, der Sportsektor oder der Tourismus. Verfasst wurde die Studie von Carolina Lermann, die den gesamten deutschsprachigen Raum, also Deutschland, Österreich und die Schweiz, in den Blick nimmt und den Trend zur Selbstoptimierung analysiert.
Wenn Wohlbefinden zur Belastung wird
Doch der Boom hat seine Kehrseite. Laut der GDI-Studie leiden 30 Prozent der Befragten unter ständigem Zeitstress, während 54 Prozent den gesellschaftlichen Druck, gut auszusehen, als zu hoch empfinden. Rund die Hälfte der Menschen findet es anstrengend, ständig auf Ernährung, Bewegung und das eigene Aussehen zu achten.
Besonders auffällig ist, dass mehr als ein Drittel der Menschen das Gefühl hat, nie genug für die eigene Gesundheit zu tun. Über 33 Prozent fühlen sich durch die hohen Erwartungen an ihre Gesundheit gestresst. Der eigentlich positiv gemeinte Trend schlägt so bei vielen in eine zusätzliche Belastung um, statt für Entlastung zu sorgen.
Junge Menschen unter Druck
Am deutlichsten trifft der Druck die junge Generation. Bei den 16- bis 24-Jährigen geben 67 Prozent an, dass ihnen ein gutes Aussehen wichtig ist, und 45 Prozent kümmert es, wie andere ihr Äusseres beurteilen. Ein Viertel dieser Altersgruppe sucht Gesundheitsinformationen ausgerechnet auf Instagram oder TikTok.
Auffällig ist zudem, dass sich mehr als ein Drittel der jungen Befragten bei Gesundheitsfragen an den Chatbot ChatGPT wendet. Gleichzeitig ist weniger als die Hälfte der unter 40-Jährigen mit der eigenen psychischen Gesundheit zufrieden, was zeigt, wie sehr der Optimierungsdruck auf das seelische Gleichgewicht drückt.
Frauen spüren mehr Druck
Deutliche Unterschiede zeigen sich auch zwischen den Geschlechtern. Frauen empfinden den Druck in mehreren Bereichen stärker als Männer. Beim Aussehen liegt der Unterschied bei 35 Prozent, bei der körperlichen Leistungsfähigkeit bei 23 Prozent und bei der gesunden Ernährung bei 20 Prozent, jeweils zugunsten eines höheren Belastungsempfindens der Frauen.
Trotz aller Skepsis greifen viele zu ergänzenden Mitteln. Laut der GDI-Studie nehmen 84 Prozent der Befragten Nahrungsergänzungsmittel ein, und 44 Prozent nutzen Geräte, die ihre Gesundheitswerte messen. Gleichzeitig halten 74 Prozent die Schönheits- und Anti-Aging-Trends für reine Geldmacherei und 54 Prozent misstrauen den meisten Gesundheitsversprechen.
Der Wert enger Beziehungen
Einen anderen, deutlich positiveren Blickwinkel liefert der Präventionsradar 2026 der Sanitas Stiftung. Für die Studie befragte das Forschungsinstitut Intervista im Januar 2026 insgesamt 2037 Personen im Alter von 18 bis 84 Jahren in allen Landesteilen. Es handelt sich um die zweite Ausgabe einer mehrjährigen Studienreihe.
Das zentrale Ergebnis lautet: Wer über sechs oder mehr enge Bezugspersonen verfügt, weist durchgehend die höchste Zufriedenheit und die niedrigsten Stresswerte auf. Enge soziale Beziehungen hängen dabei eng mit der Zufriedenheit bezüglich Fitness, Ernährung und Schlafqualität zusammen. Beziehungen erweisen sich damit als wichtiger Gesundheitsfaktor.
Gesunde Ernährung und kritische Blicke

Auch sonst liefert der Präventionsradar aufschlussreiche Zahlen. 31 Prozent der Bevölkerung fühlen sich häufig gestresst, und im Schnitt schlafen die Menschen sieben Stunden, wobei jede vierte Person unter der Woche sechs Stunden oder weniger schläft. Die Mehrheit ernährt sich gesund und steht den sogenannten Abnehmspritzen kritisch gegenüber.
Bemerkenswert ist zudem, dass 80 Prozent der Befragten die Eigenverantwortung als wichtigsten Faktor bei der Gesundheitsvorsorge betrachten. Zusammen zeichnen die beiden Studien so das Bild einer Bevölkerung, die viel in ihre Gesundheit investiert, dabei aber echte Nähe und ein gesundes Mass an Gelassenheit nicht aus den Augen verlieren sollte.






