Camille RochatVIEW PROFILE →
Länger leben, aber nicht gesünder: das Longevity-Paradox der Schweiz
Die Schweiz gehört zu den Ländern mit der höchsten Lebenserwartung. Doch längeres Leben bedeutet nicht automatisch gesünderes Leben. Ein ruhiger Blick auf das Longevity-Paradox und was die Menschen wirklich wollen.
Beim Thema Gesundheit fasziniert mich weniger die reine Lebensdauer als die Frage, wie gut wir diese Jahre tatsächlich verbringen. Genau hier liegt 2026 ein spannendes Spannungsfeld für die Schweiz. Das Land zählt zu den langlebigsten der Welt, doch hinter dieser stolzen Zahl verbirgt sich eine unbequeme Kehrseite. Es lohnt sich, dieses Paradox in Ruhe und ohne Alarmismus zu betrachten.
Weltspitze bei der Lebenserwartung
Zunächst die erfreuliche Seite: Die Schweiz gehört unbestritten zu den Ländern mit der höchsten Lebenserwartung weltweit. Laut Bundesamt für Statistik werden Männer hier im Schnitt 82,4 Jahre alt, Frauen sogar 85,9 Jahre. Das ist ein beeindruckendes Ergebnis eines guten Gesundheitssystems, hoher Lebensqualität und relativen Wohlstands. Auf den ersten Blick scheint damit alles in bester Ordnung zu sein.
Älter, aber nicht gesünder
Doch genau hier setzt das Paradox an: Die Schweizerinnen und Schweizer werden zwar älter, aber nicht unbedingt gesünder. Die steigende Lebenserwartung hat eine Kehrseite, denn mehr gewonnene Jahre bedeuten nicht automatisch mehr Jahre in guter Verfassung. Nicht selten verlängert sich vor allem die Zeitspanne, in der Menschen mit chronischen Beschwerden oder Einschränkungen leben. Die entscheidende Frage lautet also: Wie gewinnen wir gesunde Jahre?
Was die Menschen wirklich wollen
Aufschlussreich ist eine neue Studie der Stiftung Sanitas mit dem Titel Präventionsradar Schweiz. Sie zeigt, dass die Bevölkerung Prävention klar als eigene Verantwortung begreift. Die Motivation dafür speist sich jedoch aus Genuss und Alltagstauglichkeit, nicht aus fernen Zukunftsvisionen. Der abstrakte Longevity-Gedanke überzeugt kaum, und einer rein veganen Ernährung begegnen viele mit Skepsis. Gesundheit soll offenbar in den Alltag passen.
Forschung für gesundes Altern
Auch die Wissenschaft rüstet auf. Am 13. März 2026 wurde der Swiss Campus for Healthy Longevity gegründet, der auf rund 178.000 longitudinale Datensätze zugreifen kann. Solche langfristig erhobenen Daten sind Gold wert, weil sie zeigen, welche Lebensstile über Jahrzehnte hinweg wirklich zu einem gesunden Altern beitragen. Statt kurzlebiger Trends geht es hier um belastbare, wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse.
Meine Sicht
Für mich liegt die eigentliche Botschaft nicht darin, das Leben um jeden Preis zu verlängern, sondern die vorhandenen Jahre mit Vitalität zu füllen. Und die Studien deuten in eine sympathische Richtung: Nicht der Verzicht oder die grosse Zukunftsangst motivieren uns, sondern Freude und praktische Umsetzbarkeit im Alltag. Genau darin sehe ich die realistischste und menschlichste Chance, gesünder alt zu werden.






