Camille RochatVIEW PROFILE →
Nüchtern im Trend: Warum die Generation Z immer weniger Alkohol trinkt
Der Alkoholkonsum sinkt spürbar, angeführt von einer jungen Generation, die bewusst zur Flasche ohne Promille greift. Von 67 auf 54 Prozent in drei Jahren: Die Bewegung der Sober Curious verändert die Trinkkultur in der Schweiz und ganz Europa.
Das Feierabendbier, das Glas Wein zum Essen, der Aperitif mit Freunden: Über Generationen hinweg war Alkohol ein selbstverständlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Doch dieses tief verankerte Ritual gerät zunehmend ins Wanken, angetrieben von einer jungen Generation, die den Konsum von Alkohol grundlegend neu bewertet und hinterfragt.
In der Schweiz und in ganz Europa zeichnet sich ein bemerkenswerter Wandel ab, der weit über eine kurzlebige Modeerscheinung hinausgeht. Immer mehr Menschen, allen voran die Angehörigen der Generation Z, entscheiden sich bewusst für weniger oder gar keinen Alkohol, und das nicht aus Zwang, sondern aus einer neuen Haltung zu Gesundheit und Wohlbefinden heraus.
Die Zahlen einer stillen Revolution

Die Entwicklung lässt sich klar in Zahlen fassen. Der Anteil der Menschen, die überhaupt Alkohol konsumieren, ist innerhalb von nur drei Jahren deutlich gesunken, nämlich von 67 Prozent im Jahr 2022 auf 54 Prozent im Jahr 2025. Ein Rückgang dieser Grössenordnung in so kurzer Zeit ist für eine so fest verankerte Gewohnheit äusserst bemerkenswert.
Besonders ausgeprägt ist der Trend bei den Jüngsten. Im Jahr 2026 geben 24 Prozent der Generation Z an, überhaupt keinen Alkohol zu trinken, ein deutlicher Anstieg gegenüber den 17 Prozent im Vorjahr. Das Trinken wird seltener, bewusster und zunehmend zu einer Option unter vielen statt zur gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit.
Dieser Wandel spiegelt sich auch im europäischen Gesamtbild wider. Nahezu ein Drittel, genauer gesagt 31 Prozent der jungen Menschen in Europa, gibt an, weniger Alkohol zu trinken als früher, während lediglich 15 Prozent von einem gestiegenen Konsum berichten. Die Richtung der Bewegung ist damit eindeutig und unumkehrbar erscheinend.
Sober Curious: Neugier statt Verzicht
Hinter dieser Entwicklung steht ein Lebensgefühl, das im Englischen als Sober Curious bezeichnet wird, also als nüchterne Neugier. Wer sich dieser Haltung anschliesst, experimentiert bewusst mit einem alkoholfreien Lebensstil, nicht etwa weil ein Problem mit Alkohol vorliegt, sondern schlicht aus dem Wunsch heraus, zu erfahren, wie sich das Leben ohne anfühlt.
Dieser Perspektivwechsel ist entscheidend, denn er entkoppelt den Verzicht von jeglichem Zwang oder Stigma. Statt Alkohol wegzulassen zu müssen, geht es darum, die Vorteile eines klaren Kopfes freiwillig zu entdecken, sei es besserer Schlaf, mehr Energie oder das Gefühl, die Kontrolle über die eigenen Entscheidungen zu behalten.
Die Getränkeindustrie hat auf diesen Wunsch längst reagiert. Biere und Cider mit weniger als drei Prozent Alkohol geniessen eine steigende Bekanntheit, die von 44 Prozent im Jahr 2024 auf 49 Prozent geklettert ist, während auch das konkrete Interesse an solchen Produkten spürbar zugenommen hat und neue Marktsegmente entstehen lässt.
Ein wachsender Markt
Dass es sich um einen ernstzunehmenden wirtschaftlichen Trend handelt, belegt das Marktwachstum eindrücklich. Der europäische Markt für alkoholarme und alkoholfreie Getränke wuchs von 7,5 Milliarden Euro im Jahr 2021 auf fast neun Milliarden Euro im Jahr 2023, was einem Anstieg von 17 Prozent in nur zwei Jahren entspricht.
Für die öffentliche Gesundheit ist diese Entwicklung eine gute Nachricht, denn weniger Alkohol bedeutet ein geringeres Risiko für zahlreiche Erkrankungen. Ob die nüchterne Neugier der jungen Generation zu einem dauerhaften Kulturwandel wird, bleibt abzuwarten, doch die Trinkkultur in der Schweiz und Europa hat sich bereits spürbar verändert.






