Camille RochatVIEW PROFILE →
Die stille Krise der Jungen: Warum die psychische Gesundheit der Schweizer Jugend alarmiert
Fast vier von zehn Schweizer Jugendlichen fühlen sich psychisch belastet, bei jungen Frauen ist die Lage besonders dramatisch. Neue Zahlen zeichnen das Bild einer stillen Krise, die weit über die Pandemie hinausreicht. Ein Blick auf die Fakten, die Hintergründe und die Wege aus der Not.
Während in der Schweiz oft über steigende Krankenkassenprämien, Ernährungstrends und die Kosten nichtübertragbarer Krankheiten diskutiert wird, entwickelt sich abseits der grossen Schlagzeilen eine ebenso ernste Krise. Sie betrifft die Jüngsten unserer Gesellschaft und spielt sich meist im Verborgenen ab: die psychische Gesundheit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Aktuelle Zahlen zeichnen ein Bild, das aufrütteln sollte und dringenden Handlungsbedarf offenbart.
Alarmierende Zahlen

Die Datenlage lässt an Deutlichkeit kaum zu wünschen übrig. Laut einem Obsan-Bulletin mit den Kennzahlen für 2024, das 2026 veröffentlicht wurde, sind insbesondere Mädchen und junge Frauen weiterhin stark von psychischen Problemen betroffen. Diese Gruppe steht im Zentrum einer Entwicklung, die sich über die vergangenen Jahre kontinuierlich verschärft hat und nun ein besorgniserregendes Ausmass erreicht.
Ein genauerer Blick auf die Zahlen macht das Ausmass greifbar. Bereits im Jahr 2022 litten 30 Prozent der jungen Frauen zwischen 15 und 24 Jahren unter mittelschweren bis schweren Depressionssymptomen. Bei den jungen Männern derselben Altersgruppe lag dieser Anteil bei 15 Prozent. Dass fast ein Drittel der jungen Frauen betroffen ist, verdeutlicht die geschlechtsspezifische Dimension dieser Belastung auf erschreckende Weise.
Auch andere Erhebungen bestätigen dieses düstere Bild eindrücklich. In einer von UNICEF Schweiz und Liechtenstein durchgeführten Studie gaben ganze 37 Prozent der befragten Schweizer Jugendlichen an, von psychischen Problemen betroffen zu sein. Fast vier von zehn jungen Menschen fühlen sich also seelisch belastet, eine Zahl, die weit über einzelne Ausnahmefälle hinausgeht und ein strukturelles Problem offenbart.
Wenn die Not lebensbedrohlich wird
Am erschütterndsten wird die Krise, wenn sie lebensbedrohliche Ausmasse annimmt. Die Statistiken zeigen einen Zusammenhang, der zutiefst beunruhigt: Einer von fünf jungen Menschen mit Anzeichen einer Angststörung oder Depression hat bereits versucht, sich das Leben zu nehmen. Diese Zahl macht unmissverständlich klar, dass es hier nicht um vorübergehende Launen geht, sondern um echtes, tiefes Leiden mit potenziell fatalen Folgen.
Hinter jeder dieser Zahlen steht ein einzelner Mensch mit einer eigenen Geschichte, einer Familie und einem Umfeld. Genau deshalb ist es so wichtig, das Thema aus der Tabuzone zu holen und offen darüber zu sprechen. Denn Schweigen und Stigmatisierung sind oft die grössten Hindernisse auf dem Weg zu Hilfe, während ein offenes Gespräch bereits ein erster, entscheidender Schritt zur Besserung sein kann.
Ein langfristiger Trend, nicht nur Corona
Viele neigen dazu, die Verschlechterung der psychischen Gesundheit allein der Covid-19-Pandemie zuzuschreiben. Doch das wäre eine zu einfache Erklärung. Untersuchungen aus mehreren Ländern zeigen zwar seit der Pandemie eine deutliche Zunahme von Depressionen, Ängsten und anderen psychischen Problemen bei jungen Menschen. Entscheidend ist jedoch die Erkenntnis, dass es sich um einen langfristigen Trend handelt.
Tatsächlich begann diese negative Entwicklung bereits vor der Pandemie und wurde durch die Krisenjahre lediglich beschleunigt und verstärkt. Die Ursachen sind vielschichtig und reichen von einem wachsenden Leistungsdruck über die ständige Vergleichbarkeit in den sozialen Medien bis hin zu einer allgemeinen Verunsicherung angesichts globaler Krisen. Es handelt sich also um ein tief verwurzeltes gesellschaftliches Phänomen.
Diese Erkenntnis ist von zentraler Bedeutung für den Umgang mit dem Problem. Wenn die Krise nicht einfach mit dem Abklingen der Pandemie verschwindet, dann genügen kurzfristige Massnahmen nicht. Vielmehr braucht es einen dauerhaften, strukturellen Ansatz, der die tieferliegenden Ursachen angeht und die psychische Gesundheit junger Menschen als langfristige gesellschaftliche Aufgabe begreift.
Was jetzt zu tun ist
Angesichts dieser Herausforderung ist konsequentes Handeln auf mehreren Ebenen gefragt. Zentral ist der Abbau von Stigmatisierung, damit Betroffene sich überhaupt trauen, über ihre Probleme zu sprechen und Hilfe zu suchen. Ebenso wichtig sind niederschwellige und rasch verfügbare Beratungs- und Therapieangebote, denn lange Wartezeiten auf einen Therapieplatz können in akuten Krisen fatale Folgen haben.
Auch die Prävention spielt eine Schlüsselrolle, insbesondere an Schulen und in Ausbildungsbetrieben, wo junge Menschen einen grossen Teil ihrer Zeit verbringen. Wer früh lernt, mit Stress umzugehen und Warnsignale zu erkennen, ist besser gewappnet. Für alle, die sich in einer schwierigen Lage befinden, gibt es zudem Anlaufstellen: Pro Juventute berät unter der Nummer 147, und die Dargebotene Hand ist rund um die Uhr unter 143 erreichbar.
Letztlich ist die psychische Gesundheit der Jugend keine Randnotiz, sondern eine Investition in die Zukunft der gesamten Gesellschaft. Die alarmierenden Zahlen aus der Schweiz sind ein deutlicher Weckruf, dieses stille Leiden endlich mit derselben Ernsthaftigkeit zu behandeln wie die körperliche Gesundheit. Nur wenn Familie, Schule, Politik und Gesundheitswesen zusammenwirken, lässt sich diese stille Krise wirksam entschärfen.






