Camille RochatVIEW PROFILE →
Das Dilemma der Abnehmspritze: Wie Wegovy und Co. das Schweizer Gesundheitssystem unter Druck setzen
Medikamente wie Wegovy und Ozempic gelten als Wunderwaffe gegen Übergewicht. Doch in der Schweiz, wo 43 Prozent der Erwachsenen zu viel wiegen, entfachen sie eine hitzige Debatte über Kosten und Prämien. Wer zahlt die teure Spritze , und was passiert nach drei Jahren?
Kaum ein medizinisches Thema hat in den letzten Jahren so viel Aufsehen erregt wie die neue Generation von Medikamenten zur Gewichtsreduktion. Was einst als reine Diabetesbehandlung begann, hat sich zu einem gesellschaftlichen Phänomen entwickelt, das nun auch das Schweizer Gesundheitssystem vor grundlegende und durchaus unbequeme Fragen stellt, die weit über die reine Medizin hinausreichen.
Ein Land mit Gewichtsproblem
Um die Brisanz der Debatte zu verstehen, muss man zunächst das Ausmass des Problems in der Schweiz betrachten, das oft unterschätzt wird. Nach den Daten der letzten grossen Gesundheitsbefragung sind rund 43 Prozent der erwachsenen Bevölkerung übergewichtig oder adipös, wobei etwa 12 Prozent in die Kategorie der eigentlichen Fettleibigkeit fallen.
Diese Zahlen sind keineswegs nur eine Frage der Ästhetik oder des persönlichen Lebensstils, sondern haben handfeste wirtschaftliche Folgen für das gesamte Land. Bereits vor über einem Jahrzehnt wurden die direkten und indirekten Kosten, die durch Adipositas verursacht werden, auf mehrere Milliarden Franken pro Jahr geschätzt, und genau an diesem Punkt beginnt die eigentliche Kontroverse.

Die zugelassenen Wirkstoffe
In der Schweiz sind derzeit drei verschiedene Wirkstoffe als sogenannte Abnehmspritzen offiziell zugelassen und im Einsatz. Konkret handelt es sich dabei um die Substanzen mit den Namen Liraglutid, Semaglutid und Tirzepatid, die alle auf ähnliche Weise in den Stoffwechsel und das Sättigungsgefühl des Körpers eingreifen und so zu einer Gewichtsabnahme führen können.
Ein faszinierendes Detail dieser Wirkstoffe ist ihre ursprüngliche Herkunft, die viele überraschen dürfte. Sie wurden nämlich allesamt zunächst für die Behandlung von Diabetes entwickelt, bevor man ihre bemerkenswerte Wirkung auf das Körpergewicht entdeckte und sie schliesslich auch für die gezielte Therapie von Adipositas zuliess und einsetzte.
Das Rätsel um Ozempic
Besondere Aufmerksamkeit verdient in diesem Zusammenhang das wohl bekannteste dieser Präparate, das unter dem Markennamen Ozempic vermarktet wird und weltweit für Schlagzeilen sorgte. In der Schweiz ist die rechtliche Lage hier allerdings differenzierter, als viele annehmen, denn Ozempic ist offiziell ausschliesslich für die Behandlung von Diabetes im Erwachsenenalter zugelassen.
Wer das Mittel dennoch gezielt zum Abnehmen verwenden möchte, bewegt sich damit in einer rechtlichen Grauzone, die als Off-Label-Use bezeichnet wird. Das bedeutet, dass ein solcher Einsatz nur dann möglich ist, wenn ein Arzt das Medikament ausserhalb seines eigentlichen Zulassungszwecks verschreibt, was die Handhabung deutlich komplizierter macht.
Die Angst vor der Kostenexplosion
Der eigentliche Kern der gesundheitspolitischen Debatte dreht sich jedoch um die entscheidende Frage, wer für diese durchaus kostspieligen Therapien am Ende aufkommt. Angesichts der grossen Zahl potenziell betroffener Menschen fürchten die Schweizer Krankenversicherer eine regelrechte Kostenexplosion, sollten die teuren Spritzen von einer breiten Bevölkerungsschicht in Anspruch genommen werden.
Um diese Kosten in geordnete Bahnen zu lenken, haben die Behörden bereits klare Regeln aufgestellt, die den Zugang eingrenzen sollen. So sind die Versicherer beim Präparat Wegovy derzeit befugt, die Kosten für einen Zeitraum von bis zu drei Jahren zu übernehmen, was den Betroffenen eine gewisse Planungssicherheit für die Behandlung gibt, aber auch eine deutliche zeitliche Grenze setzt.
Was nach drei Jahren geschieht
Genau diese zeitliche Befristung wirft jedoch ein grundlegendes Problem auf, das die Grenzen der aktuellen Regelung schonungslos offenlegt. Denn Adipositas gilt als chronische Erkrankung, was bedeutet, dass viele Patientinnen und Patienten die Medikamente wohl dauerhaft benötigen würden, um ihr reduziertes Gewicht auch langfristig erfolgreich halten zu können.
Wer also nach Ablauf der drei Jahre schlank bleiben möchte, könnte sich in einer schwierigen Lage wiederfinden und gezwungen sein, die weiteren Kosten vollständig aus der eigenen Tasche zu bezahlen. Damit stellt sich unweigerlich die heikle Frage der sozialen Gerechtigkeit, ob eine solche Therapie am Ende nur denjenigen offensteht, die es sich leisten können.
Ein Symptom grösserer Probleme
Diese ganze Diskussion fällt zudem in eine Zeit, in der das Schweizer Gesundheitssystem ohnehin unter enormem finanziellen Druck steht und jede zusätzliche Belastung kritisch beäugt wird. Passend dazu müssen sich die Versicherten für das Jahr 2026 auf einen weiteren spürbaren Anstieg ihrer Krankenkassenprämien einstellen, der im Durchschnitt bei rund 4,4 Prozent liegen soll.
Letztlich sind die Abnehmspritzen damit weit mehr als nur ein medizinischer Fortschritt, denn sie wirken wie ein Brennglas für die grundsätzlichen Zielkonflikte des Systems. Sie zwingen die Gesellschaft zu einer ehrlichen Auseinandersetzung darüber, welchen Preis die Solidargemeinschaft für die Gesundheit des Einzelnen zu zahlen bereit ist und wo die Grenzen dieser Solidarität verlaufen.






